Julia Engelmann "Eines Tages, Baby" (Video)

Der folgende Text wurde geschrieben und gesprochen von Julia Engelmann. Julia Engelmann wurde 1992 geboren, wuchs in Bremen auf und studiert Psychologie. Seit einigen Jahren nimmt sie regelmäßig an Poetry Slams teil. Poetry Slam bedeutet, dass sich viele Menschen treffen und selbst geschriebene Texte und Gedichte lesen. In Deutschland gibt es das in vielen Städten.

Der Text ist inspiriert von einem sehr bekannten englischen Lied, "One day / Reckoning".

Hier sind wichtige Wörter und Redewendungen für den Text (in drei Teilen):

  • Baby - (Umgangssprache) Man benutzt das Wort oft für eine Person, die man liebt.
  • Geschichten - stories; Dinge, die man erzählt
  • Meister - master; der Beste
  • der Streich - prank; eine Täuschung, etwas, das nicht wahr ist
  • Selbstbetrug - eine Lüge gegen sich selber machen (nicht gegen andere Personen)
  • entschleunigtes Teilchen - Wort aus der Physik: etwas, das langsamer gemacht wurde
  • begeistern - etwas gut finden, nachdem jemand anders davon erzählt
  • Leichtsinn - nicht vorsichtig
  • sich etwas vornehmen - etwas planen, beabsichtigen
  • anzweifeln - glauben, dass etwas vielleicht nicht wahr ist
  • sich zurückhalten - etwas nicht tun, obwohl man es vielleicht möchte
  • dämlich = dumm (Umgangssprache)
  • eh = ohnehin, sowieso (Umgangssprache)
  • planlos - ohne Idee / Lösung (Umgangssprache)
  • vorm Smartphone hängen - das Smartphone benutzen (Umgangssprache)
  • Baseline - Grundidee, Hauptthema
  • furchtbar - sehr
  • faul - lazy, nicht fleißig
  • Patronus - jemand (oft ein Tier), von dem man beschützt wird (wie bei Harry Potter)
  • Schweinehund - ein Geist in der eigenen Person, welcher faul, müde und schlecht ist
  • Wartezimmer - Wenn man zum Arzt geht, muss man dort warten.
  • Dopamin - ein Stoff im Körper, der Glück erzeugt
  • sparen - behalten, nicht ausgeben

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein,

oh Baby, werden wir alt sein

und an all die Geschichten denken,

die wir hätten erzählen können.

Wer ich bin?

Ich bin der Meister der Streiche,

wenn’s um Selbstbetrug geht,

ein Kleinkind vom Feinsten,

wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen,

kann auf keinsten was reißen,

lass mich begeistern für Leichtsinn –

wenn ein anderer ihn lebt.

Ich denke zu viel nach,

ich warte zu viel ab,

ich nehm mir zu viel vor,

und ich mach davon zu wenig.

Ich zweifle alles an,

halte mich zu oft zurück,

ich wäre gerne klug –

allein das ist ziemlich dämlich.

Ich würde so vieles sagen, aber bleibe meistens still,

weil – wenn ich das alles sagen würde,

wär das viel zu viel.

Es gibt zu viel zu tun,

meine Listen sind so lang,

ich werd das eh nie alles schaffen,

also fang ich gar nicht an.

Und eines Tages, Baby, werde ich alt sein,

oh Baby, werde ich alt sein

und an all die Geschichten denken,

die ich hätte erzählen können.

Stattdessen?

Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone,

wart bloß auf den nächsten Freitag.

»Ach, das mach ich später«

ist die Baseline meines Alltags.

Ich bin so furchtbar faul

wie ein Kieselstein am Meeresgrund.

Ich bin so furchtbar faul,

mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer,

niemand ruft mich auf.

Mein Dopamin – das spar ich immer,

falls ich’s noch mal brauch.

Teil 2 der Vokabeln und Redewendungen:

  • murmeln - sehr leise sprechen (Umgangssprache)
  • Silvester - der letzte Tag im Jahr
  • Vorsätze - Ziele für die Zukunft
  • Sekt - ein Getränk mit Alkohol, das man oft zu Silvester trinkt
  • vercheckt - etwas ist nicht gelungen, man hat etwas nicht geschafft oder vergessen (Umgangssprache)
  • angehen - für etwas arbeiten / sich bemühen
  • Tagesschau - die bekannteste deutsche Sendung im TV für Nachrichten
  • Allgemeinwissen - wichtiges Wissen ohne spezielles Thema
  • mit etwas rechnen - denken, dass etwas passiert
  • riskieren - ein Risiko eingehen, etwas gefährliches tun
  • Konjunktiv - etwas, dass noch nicht passiert ist und vielleicht nie passiert
  • Marathon - Sport, bei dem man sehr lange Zeit laufen muss
  • Buddenbrooks - eines der berühmtesten Bücher von Thomas Mann
  • beinah - fast
  • demaskieren - eine Maske entfernen
  • feige - viel Angst haben
  • verschweigen - etwas nicht sagen, obwohl man es weiß
  • knapp - kurz
  • kapieren - verstehen (Umgangssprache)

Und du?

Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester

die wieder gleichen Vorsätze treu in dein Sektglas.

Und Ende Dezember stellst du fest,

dass du recht hast,

wenn du sagst, dass du sie dieses Mal

schon wieder vercheckt hast.

Dabei sollte für dich doch schon 2013

»das erste Jahr vom Rest deines Lebens« werden.

Du wolltest abnehmen, früher aufstehen, öfter rausgehn,

mal deine Träume angehn, mal die Tagesschau sehen

für dein Smalltalk-Allgemeinwissen.

Aber so wie jedes Jahr,

obwohl du nicht damit gerechnet hast,

kam dir wieder mal der Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer,

niemand ruft uns auf.

Unser Dopamin – das sparen wir immer,

falls wir es später brauchen.

Wir sind jung und haben so viel Zeit,

warum soll’n wir was riskieren?

Wir wollen keine Fehler machen,

wollen auch nichts verlieren.

Und es bleibt so viel zu tun, unsre Listen bleiben lang,

und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land.

Aus »Das mach ich später« wird »Ach, das mach ich später«

wird »AHHHH, das mach ich später!« wird jetzt.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein,

oh Baby, werden wir werden alt sein

und an all die Geschichten denken,

die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten,

die wir dann stattdessen erzählen,

werden traurige Konjunktive sein wie –

»Einmal wär ich fast einen Marathon gelaufen

und hätte fast die Buddenbrooks gelesen,

und ich wär mal beinah

»bis die Wolken wieder lila« waren noch wach gewesen,

fast hätten wir uns mal demaskiert

und gesehen, wir sind die Gleichen,

und dann hätten wir uns fast gesagt,

wie viel wir uns bedeuten« –

werden wir erzählen.

Und dass wir bloß faul und feige waren,

das werden wir verschweigen

und uns heimlich wünschen,

noch ein bisschen hierzubleiben.

Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp

– und das wird sowieso passieren –

dann erst werden wir kapieren,

wir hatten nie was zu verlieren.

Denn das Leben, das wir führen wollen,

das können wir selber wählen.

Also los!, schreiben wir Geschichten,

die wir später gern erzählen.

Und hier ist der letzte Teil des Textes mit Erklärungen und Vokabeln:

  • Hausdach - das Dach eines Hauses, ganz oben 
  • Takt - die Anleitung, um Musik zu spielen (z.B. 3/4 oder 4/4)
  • allertollste - toll, toller, am tollsten -> gleich wie am tollsten (Umgangssprache)
  • Feste schmeißen - feiern (Umgangssprache)
  • Konfetti - kleine Stücke aus Papier, die man bei einem Fest werfen kann
  • Anagramm - wenn man die Buchstaben in einem Wort tauscht oder anders liest und ein neues Wort bekommt: 
  • Casper - bekannter deutscher Musiker, der singt "Der Sinn des Lebens ist Leben."
  • Kesha - amerikanische Popsängerin
  • säen / ernten - wichtige Arbeit in der Landwirtschaft
  • lebendig - jemand, der munter ist und nicht faul

Also!

Lass uns nachts lange wach bleiben,

aufs höchste Hausdach der Stadt steigen,

lachend und vom Takt frei

die allertollsten Lieder singen!

Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen,

sehen, wie sie zu Boden reisen,

und die gefallenen Feste feiern,

»bis die Wolken wieder lila sind«!

Lass mal an uns selber glauben,

ist mir egal, ob das verrückt ist!

Wer genau guckt, sieht,

dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.

Wer immer wir auch waren,

lass uns werden, wer wir sein wollen.

Wir haben viel zu lang gewartet,

lass uns Dopamin vergeuden!

»Der Sinn des Lebens ist Leben« –

das hat schon Casper gesagt.

»Let’s make the most of the night« –

das hat schon Ke$ha gesagt.

Lass uns möglichst viele Fehler machen

und möglichst viel aus ihnen lernen,

lass uns jetzt schon Gutes säen,

damit wir später Gutes ernten!

Lass uns alles tun, weil wir können

und nicht müssen,

jetzt sind wir jung und lebendig,

und das soll ruhig jeder wissen!

Lass uns uns mal demaskieren

und dann sehen, wir sind die Gleichen,

und dann können wir uns noch sagen,

dass wir uns viel bedeuten!

Denn unsere Tage gehen vorbei

– das wird sowieso passieren –

und bis dahin sind wir frei,

und es gibt nichts zu verlieren.

Das Leben, das wir führen wollen,

wir können es selber wählen.

Also los, schreiben wir Geschichten,

die wir später gern erzählen!

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein,

oh Baby, werden wir alt sein

und an all die Geschichten denken –

die für immer unsere sind.